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Fünf Kennzahlen, die wirklich zählen: Warum ich Banken und Versicherer nicht mehr über die Gewinn- und Verlustrechnung bewerte

Banken und Versicherer richtig bewerten: Warum CET1, NPL-Quote, Cost-Income-Ratio, Zinsmarge und Solvabilitätsquote mehr verraten als der Gewinn. Jetzt lesen und Bilanzen verstehen.

Fünf Kennzahlen, die wirklich zählen: Warum ich Banken und Versicherer nicht mehr über die Gewinn- und Verlustrechnung bewerte

Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass ich Banken und Versicherer mit den falschen Maßstäben gemessen habe.

Meine ersten Versuche als Anleger begannen immer mit der Gewinn- und Verlustrechnung. Umsatz, Gewinn, Gewinnwachstum — die Zahlen, die man von Industrieunternehmen kennt. Bei einem Autobauer funktioniert das. Bei einem Kreditinstitut ist es ungefähr so, als würde man einen Landwirt nach der Anzahl seiner Traktoren beurteilen. Man sieht etwas, aber nicht das Wesentliche.

Der Grund liegt im Geschäftsmodell. Eine Bank verkauft kein Produkt, sie trägt Risiko auf der eigenen Bilanz. Ein Versicherer tut dasselbe, nur mit einer anderen Zeitschiene. Wenn ein Maschinenbauer seinen Umsatz verdoppelt, ist das eine gute Nachricht. Wenn eine Bank ihr Kreditbuch in zwei Jahren verdoppelt, ist das zuerst einmal eine Verdopplung ihres künftigen Ausfallrisikos. Die Bilanz ist nicht die Folge des Geschäfts, sie ist das Geschäft. Deshalb lese ich Finanztitel von der Passivseite und von den Risikokennzahlen her, nicht von der Gewinnseite.

Fünf Zahlen haben sich für mich dabei als die tragfähigsten erwiesen. Keine davon steht in einer Pressemitteilung über einen neuen Vorstandsvorsitzenden, aber alle stehen in jedem Quartalsbericht.

Die harte Kernkapitalquote, kurz CET1, ist die bekannteste dieser Zahlen und die am häufigsten missverstandene. Sie ist kein Geld in einem Tresor. Sie ist ein buchhalterischer Restwert: das Eigenkapital, das nach allen Abzügen übrig bleibt, geteilt durch die risikogewichteten Aktiva. Genau darin steckt die Schwierigkeit. Der Zähler ist relativ eindeutig, der Nenner ist Verhandlungssache. Große Institute dürfen ihre Risiken mit internen Modellen berechnen, kleinere müssen die Standardmethode verwenden. Zwei Banken mit identischen Hypothekenbüchern können deshalb unterschiedliche Quoten ausweisen, ohne dass eine von beiden besser wirtschaftet. Wer diesen Effekt ignoriert, vergleicht Äpfel mit Birnen und wundert sich über Unterschiede von drei Prozentpunkten.

Über zwölf Prozent gelten als komfortabel. Ich habe gelernt, diese Zahl nie isoliert zu betrachten, sondern immer in ihrer Bewegung. Eine steigende CET1-Quote kann ein Zeichen von Stärke sein. Sie kann aber auch bedeuten, dass ein Institut aufgehört hat zu verleihen. Kapital wächst schneller als die Bilanz, wenn die Bilanz schrumpft. Manche Banken haben sich in den Jahren nach der Finanzkrise genau so saniert: nicht durch bessere Erträge, sondern durch Rückzug. Das ist legitim, aber es ist kein Wachstumsmodell.

Und dann ist da die unbequeme Lektion aus dem Frühjahr 2023. Die Silicon Valley Bank wies eine Kernkapitalquote von rund zwölf Prozent aus, die Credit Suisse lag sogar darüber. Beide Institute waren innerhalb weniger Tage weg. Kapital schützt gegen Verluste, nicht gegen einen Ansturm auf die Einlagen. Wer nur auf CET1 schaut, prüft den Sicherheitsgurt und vergisst die Bremsen.

Die zweite Kennzahl ist die Quote notleidender Kredite, oft als NPL-Ratio bezeichnet. Sie misst den Anteil der Kredite, bei denen der Schuldner nicht mehr oder absehbar nicht mehr zahlt, im Verhältnis zum gesamten Kreditbuch. Drei Prozent gelten als Warnschwelle, darüber drohen Wertberichtigungen das Eigenkapital aufzufressen.

Was kaum jemand weiß: Diese Quote ist historisch nur eingeschränkt vergleichbar. Erst mit der Harmonisierung des Ausfallbegriffs durch die europäische Bankenaufsicht, in mehreren Schritten ab Mitte der 2010er-Jahre, bedeutete „notleidend“ in Mailand halbwegs dasselbe wie in München. Davor konnte eine italienische Bank mit strukturell anderer Definition dastand — und die Vergleiche in alten Analystenreports sind mit Vorsicht zu genießen.

Ich schaue heute zusätzlich auf die Deckungsquote, also darauf, wie viel Rückstellungen hinter diesen faulen Krediten liegen. Eine NPL-Quote von zwei Prozent mit 40 Prozent Deckung ist unangenehmer als eine Quote von vier Prozent mit 90 Prozent Deckung. Und ich schaue auf das Alter des Kreditbuchs, denn die Kredite, die 2027 problematisch werden, wurden 2022 und 2023 vergeben. Eine niedrige NPL-Quote bei starkem Wachstum erzählt von der Vergangenheit, nicht von der Zukunft.

Wer historisch denkt, stößt irgendwann auf die Texas Ratio, eine Erfindung aus der amerikanischen Sparkassenkrise der achtziger Jahre. Sie setzt notleidende Kredite ins Verhältnis zum haftenden Eigenkapital plus Rückstellungen. Überschreitet das Verhältnis 100 Prozent, reicht das Kapital rechnerisch nicht mehr aus, um die Ausfälle allein zu tragen. Kein Aufsichtsregime verlangt diese Zahl, aber sie hat eine Eigenschaft, die mir gefällt: Sie ist gnadenlos ehrlich.

Die dritte Kennzahl, die Cost-Income-Ratio, ist die einzige auf meiner Liste, die man ohne tiefere Bilanzkenntnis versteht. Aufwand geteilt durch Ertrag. Unter 60 Prozent gilt als effizient, skandinavische Institute arbeiten teils unter 40 Prozent, deutsche Häuser liegen häufig zwischen 60 und 75 Prozent.

Die Zahl hat eine Falle, in die ich selbst getappt bin. Kostensenkungen lassen sich kurzfristig herbeiführen, und sie zeigen sich sofort in dieser Quote. Was sie nicht zeigen: den Preis. Eine Bank, die ihr IT-Budget drei Jahre lang kürzt, sieht wunderbar effizient aus — bis das Kernbankensystem zehn Jahre alt ist und jede Produktänderung sechs Monate dauert. Die Cost-Income-Ratio ist ein Foto, das nur im Kontext einer längeren Serie aussagekräftig ist.

Ich prüfe deshalb zwei Dinge. Erstens die Zusammensetzung der Erträge: Ein niedriger Wert, der auf volatilen Handelsgewinnen beruht, ist weniger wert als ein mittlerer Wert aus Provisionsgeschäft. Zweitens die Zyklizität. Bei einem Einbruch der Erträge steigt die Quote automatisch, auch wenn niemand mehr ausgibt. Ein Wert von 58 Prozent im Rezessionsjahr kann besser sein als 52 Prozent im Boomjahr.

Die vierte Kennzahl ist die Zinsmarge, die Net Interest Margin. Sie sagt, wie viel Zinsüberschuss eine Bank pro Euro Bilanzsumme verdient. Das klingt technisch, ist aber der beste Frühindikator dafür, wie gut ein Institut seine Refinanzierung im Griff hat.

Hier wird es kontraintuitiv. Steigende Zentralbankzinsen führen nicht automatisch zu höheren Margen. Entscheidend ist die Einlagenbetazahl, also die Frage, wie schnell eine Bank die höheren Zinsen an ihre Sparer weitergeben muss. Ein Haus mit treuen, günstigen Einlagen kann die Marge ausweiten. Ein Haus, das seine Refinanzierung am Kapitalmarkt besorgt, sieht sie schrumpfen.

Dazu kommt die Trägheit der Bilanz. Kredite mit langen Laufzeiten und festen Zinsen reagieren erst nach Jahren auf ein neues Zinsniveau. Was heute in der Marge sichtbar wird, wurde vor fünf Jahren entschieden. Ich lese diese Kennzahl deshalb wie ein Protokoll vergangener Entscheidungen, nicht wie eine Prognose.

Deutsche Banken verdienen im internationalen Vergleich auffällig wenig pro Bilanzsumme, oft nur etwa ein Prozent. Das liegt an hartem Wettbewerb, hoher Einlagendichte und einem Markt, der lange von Negativzinsen geprägt war. Spanische oder italienische Institute kommen auf deutlich höhere Werte, ohne deshalb besser zu sein — sie arbeiten mit anderen Kreditrisiken.

Die fünfte Kennzahl gehört einer anderen Branche: die Solvabilitätsquote nach Solvency II. Versicherer messen ihre Eigenmittel ins Verhältnis zu den Kapitalanforderungen, die sich aus ihren Risiken ergeben. 100 Prozent ist die absolute Untergrenze, 150 Prozent gelten als komfortabel, viele nordische Häuser liegen über 200 Prozent.

Was diese Zahl so schwer greifbar macht, ist ihre Zweiseitigkeit. Sie hängt nicht nur von der Qualität des Versicherungsgeschäfts ab, sondern massiv von den Finanzmärkten. Steigende Zinsen heben die Quote, weil künftige Verpflichtungen stärker abgezinst werden. Ausweitende Kreditspannen drücken sie, weil die Kapitalanlagen an Wert verlieren. Die Solvabilitätsquote ist damit auch ein Thermometer für die Anleihemärkte, an das ein Versicherungsvorstand jeden Morgen zuerst denkt.

Und wie bei der Kernkapitalquote gibt es zwei Wege zum selben Ergebnis: die Standardformel oder ein internes Modell. Ein Haus mit genehmigtem internen Modell kann bei identischem Risiko eine völlig andere Quote ausweisen. Vergleiche über Ländergrenzen hinweg sind deshalb mit Vorsicht zu genießen, Vergleiche über Geschäftsmodelle hinweg erst recht.

Ich habe mir angewöhnt, bei sehr hohen Quoten eine unangenehme Frage zu stellen. Warum liegt das Kapital dort und nicht bei den Eigentümern? Manchmal ist die Antwort Vorsicht, manchmal Wachstumsplanung, manchmal einfach Beharrungsvermögen. Ein Überschuss ist nur dann etwas wert, wenn er irgendwann eine Funktion hat.

Alle fünf Zahlen zusammengenommen beantworten sie nicht die Frage, ob eine Aktie teuer oder günstig ist. Sie beantworten die Frage, ob ein Institut die nächste Krise überlebt. Das ist eine andere und ehrlichere Frage.

Was mir dabei am meisten geholfen hat, war die Verbindung zur Eigenkapitalrendite. Eine Bank, die ihr Eigenkapital mit sechs Prozent verzinst, während die Aktionäre zehn Prozent verlangen, ist nicht billig, wenn sie unterhalb des Buchwerts notiert. Sie ist korrekt bewertet. Genau das erklärt, warum europäische Bankaktien seit über einem Jahrzehnt mehrheitlich unter Buchwert handeln. Die Kapitalquoten erzählen von Sicherheit, die Rendite erzählt von Attraktivität. Nur beides zusammen ergibt ein Bild.

Ich lese Quartalsberichte heute anders. Zuerst die Bilanzstruktur, dann die Risikokennzahlen, dann die Kapitalausstattung. Die Gewinn- und Verlustrechnung kommt bei mir zuletzt, und sie ist für mich zur Fußnote geworden. Nicht, weil sie unwichtig wäre, sondern weil sie bei Finanzunternehmen die Vergangenheit beschreibt, während die Bilanz erzählt, was morgen passieren kann.

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